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MMMM Markus Mittwoch Manuskript Meeting
Markus‘ Mittwoch Manuskript Meeting – Autorininterview mit Zoë Beck

Markus‘ Mittwoch Manuskript Meeting – Autorininterview mit Zoë Beck

Einige von uns werden sich noch an das kurzlebige Verwaltungsgebilde „Stadt Lahn“ erinnern, das zur Zeit seines Bestehens von 1977 bis 1979 bei so ziemlich allen Einwohnern der eingemeindeten Städten Gießen, Wetzlar und den Kommunen dazwischen unbeliebt war. In „Paradise City“ lässt Zoë Beck Lahnstadt als Stadtteil der Megacity Frankfurt neu aufleben. Sie ist facettenreich: Autorin, Übersetzerin, Synchronregisseurin und Verlegerin, ihr literarisches Werk ist vielseitig, ihre Vita beeindruckend!

MARKUS: Hallo! Danke, dass du dir die Zeit für die Fragen nimmst.

ZOË: Sehr gern, danke für die Einladung!

MARKUS: Erst habe ich gedacht, deine Vielseitigkeit macht mir das Interview schwer, aber dann ging mir auf, dass ich genau damit starten könnte. Neben deiner Arbeit machst du dich für gesellschaftliche und politische Vielseitigkeit stark. Ist die Abwechslung für dich wichtig? Vielleicht Motivator?

ZOË: Abwechslung ist natürlich wichtig, sonst fehlen ja die Anregungen. Würde ich nur allein am Schreibtisch sitzen, wo sollten da Ideen herkommen, wie könnte ich da neue Eindrücke bekommen, etwas erleben? Aber die unterschiedlichen Tätigkeiten sind nicht entstanden, weil ich mir bewusst Abwechslung gesucht habe, sondern weil sie mir alle Spaß machen.

MARKUS: Wie teilst du dir deine Aufgaben ein? Bist du immer mit vollem Einsatz in einem Projekt oder machst du Multitasking? Woher nimmst du die Energie?

ZOË: Manchmal ist es Multitasking, was extrem anstrengend ist, beim Schreiben kann ich allerdings nicht (viel) anderes noch machen, da schreibe ich nur. Energie? Ich glaube, das motivierende Wort heißt „Deadline“ …

MARKUS: Eine Herausforderung beim Übersetzen von Romanen ist vermutlich, den Schreibstil auch in der Übersetzung zu erhalten. Wie geht man dabei vor?

ZOË: Es geht darum, den richtigen Ton zu finden. Und was ich für den richtigen Ton halte, würde eine anderer Übersetzer*in vielleicht ganz anders beurteilen. Ich versuche, den Ton zu finden, den der Text im Deutschen haben könnte, und davon ausgehend, muss ich bei jedem Wort, jeder Satzkonstruktion entscheiden, ob sie dem Tonfall, der Erzählstimme entspricht.

MARKUS: Übersetzung die Zweite! Synchronisation von Filmen und Serien ist speziell im Deutschen schon fast eine Kunstform. Wie lernt man, lippensynchron zu texten?

ZOË: Das lernt man über Erfahrung. Es braucht sehr viel Zeit im Studio bei den Aufnahmen, um zu sehen, was geht und was nicht. Man muss auf die Sprechgeschwindigkeit achten, auf die Textlänge, darauf, dass der Text synchron ist … Viele Regisseurinnen im Synchron waren oder sind selbst Sprecherinnen und haben jahrelange Erfahrung, was wie auf die Lippen passt. Im Studio selbst wird häufig noch einiges vom Text geändert, wenn man beispielsweise merkt, dass der Text zwar perfekt lippensynchron aussieht, aber irgendwie blöd klingt. Oder wenn er einfach nicht synchron genug getextet ist.

MARKUS: Jedes Mal, wenn ich den Titel „Paradise City“ lese, habe ich Axl Rose im Ohr. Hast du, gerade weil du ja auch Musikerin und Musikliebhaberin bist, ähnliche Assoziationen?

ZOË: Natürlich hab ich dann auch das Lied im Ohr, aber es ist wirklich nur der Titel, den ich genommen habe, der Songtext selbst war keine Inspiration für das Buch. Und es gab auch erst das Buch und dann den Titel. Ich finde es oft sehr, sehr schwer, Titel zu finden. Sie sind so wichtig! Das ist echt eine Disziplin für sich.

MARKUS: Auch wenn „Paradise City“ im Grunde dystopisch ist, mag ich, dass du es schaffst ein Licht am Ende des Tunnels zu zeigen, ohne dass da direkt ein Hollywood-Happy End daraus wird. War das Absicht oder hat sich das ergeben?

ZOË: Ich finde ja, dass es ohnehin sehr viele utopische Elemente hat. Es zeigt doch einiges an Hoffnungsschimmern: Schlimme Krankheiten wurden besiegt, Umweltkatastrophen, die durch den Klimawandel entstanden, eingedämmt … Der Preis für diese Utopie ist eben ein hoher, und es muss dann jedes Mal gesellschaftlich neu verhandelt werden: Wie viel von meiner Freiheit gebe ich auf, um gesund/frei/sicher/glücklich/etc. zu sein?

MARKUS: Spilburg, Lahn, Dutenhofener See, der Blick auf die Burgen brauchte ich mir, als jemand der in Wetzlar zur Schule ging, nicht groß vorzustellen . Dein Worldbuilding liest sich nachvollziehbar und du hast konsequent Entwicklungen weitergedacht (weshalb es teilweise auch prophetisch wirkt). Ist diese Welt beim Schreiben entstanden oder hast du sie vorher vorbereitet?

ZOË: Diese Welt habe ich vorher gebaut, beim Schreiben ergeben sich natürlich noch Änderungen, manchmal auch ganz neue Ideen. Aber erstmal habe ich Frankfurt in dieser Größenordnung entworfen. Natürlich kann ich jetzt nicht mehr durch diese Gegend fahren, ohne meine neuen Gebäude zu sehen … Ich habe eine ganz neue Stadt auf Grundlage der alten Städte und Gemeinden entwickelt, habe aus gewachsenen Ortschaften Themenparks gemacht usw., das Ganze sollte eine Ordnung bekommen, die sich vermeintlich leicht überwachen und steuern lässt. Aber in Wirklichkeit brauchen Städte Chaos und Anarchie, sonst funktionieren sie nicht. Städte, die am Reißbrett entworfen wurden, leben nicht so, wie über Jahrzehnte und Jahrhunderte gewachsene Städte. Deshalb ist das Paradies in dem Buch eine sterile Illusion, die vermutlich bald in sich zusammenbrechen wird.

MARKUS: Bei HERLAND bist du mit einer Gruppe von Autorinnen aktiv, um mehr Aufmerksamkeit für Literatur von Frauen zu fördern. Bookstagram erscheint mir mehrheitlich weiblich. Bei „Paradise City“ fiel mir die Menge an weiblichen Figuren auf (und ich muss gestehen, dass ich, einerseits bedingt durch die Art, wie ich lese, und vermutlich auch durch Framing Dr. Mahjoub zunächst nicht als weibliche Figur wahrgenommen habe). Bei meinem Roman beschwert sich eine Rezension über das Fehlen nicht-männlicher Figuren (und dass obwohl die Hälfte der Protagonisten Frauen sind und besser wegkommen, als die Männer). Bekommt ihr Unterstüzung oder eher Gegenwind von den Kollegen und anderen Menschen an den Schalthebeln der Buchbranche?

ZOË: Anfangs gab es Gebrummel, was das denn soll, es wären doch eh überall Frauen. Aber die Gründung von Herland fiel auch mit anderen Bewegungen wie #frauenzählen zusammen, und es ist nun mal Fakt, dass Frauen weniger Preise bekommen, weniger im Hardcover verlegt werden, weniger von der Presse wahrgenommen werden … Und die Weltsicht, das, was „zählt“, ist viel zu lange sehr weiß, westlich/eurozentristisch, christlich, hetero, cis-männlich geprägt. Auch viele Frauen lesen Dr. Mahjoub erstmal männlich, bis das Personalpronomen auftaucht. Wären es vor allem Männer in meinem Buch, hätte bis vor wenigen Jahren niemand etwas bemerkt, weil wir es so gewohnt sind, Bücher zu lesen und Filme zu sehen, in denen die gewaltige Mehrheit der Figuren männlich ist, in denen Männer bestimmen und aktiv sind. Mittlerweile zählen aber schon so viele Personen automatisch mit, wie das Verhältnis der Figuren ist, wie die Gewichtung ist, dass bestimmte Erzählweisen (z.B. der male gaze) nicht mehr so einfach als gegeben hingenommen werden, sondern nur noch als eine Sicht von vielen.

MARKUS: Mit deinem Sachbuch „Depression“ beschreibst du deine eigenen Erfahrungen mit einer Krankheit, die zwar einerseits als „Volkskrankheit“ tituliert wird, der aber trotzdem ein Makel anhaftet. Für mich war es eines der wenigen Bücher zu dem Thema, in dem ich meine eigenen Erfahrungen gefunden haben. War das Schreiben für dich irgendwie therapeutisch?

ZOË: Danke dir. 12 Nein, das war kein therapeutisches Schreiben, es war eher noch mal ein konzentriertes Auf-die-Erkrankung-Blicken. Das Schreiben hat vielmehr einige Erinnerungen wachgerufen, die nicht unbedingt schön waren, aber ob das therapeutischen Effekt hatte – wohl eher nicht. Es ist nun mal etwas, womit ich mich rumschlagen muss. Ein allheilendes Wundermittel gibt es ja nicht, und jeder Tag ist neu herausfordernd, mal mehr, mal weniger. Ich bin sehr froh, es geschrieben zu haben, weil ich sehr viel positive Rückmeldung bekommen habe, sowohl von Betroffenen, die sich verstanden fühlten, als auch von Angehörigen, die zum ersten Mal wirklich verstanden haben, was diese Erkrankung bedeutet.

MARKUS: Du hast das Drehbuch zum ZDF-Weihnachtsfilm „In der Weihnachtsbäckerei“ mit Zuckowski geschrieben und warst/bist Synchronregisseurin für Serien wie „The Terror“ und „Fear The Walking Dead“. Auch das ist ein ziemlich breiter Spagat. Bist du bei Genres immer noch so flexibel?

ZOË: Drehbuch mache ich schon sehr lange nicht mehr. Ich habe vor vielen Jahren Kinderfernsehen gemacht, aber dann bin ich zum Synchron gewechselt, erst als Redakteurin für Disney, dann wechselte ich in die Regie. Drehbuchschreiben ist zwar gut bezahlt, aber es ist, ehrlich gesagt, vor allem Schmerzensgeld, weil so viele Kompromisse eingegangen werden müssen und so viele andere Personen einem reinreden …

MARKUS: Hast du Schreibroutinen? Wie planst du deine Schreibzeit?

ZOË: Während der Schreibzeit kann ich keine anderen Projekte annehmen. Dann muss ich mich für Synchronproduktionen sperren lassen, darf nicht rumreisen … Manchmal miete ich mich auch irgendwo ein und mache nichts anderes, als zu schreiben. Ich brauche dann wirklich meine Ruhe. Die Tagesroutine sieht dann eher so aus: Langsam in den Tag kommen, viel nachdenken, irgendwann gegen Abend anfangen zu schreiben, meistens dann die Nacht durch. Tagsüber kriege ich das selten hin.

MARKUS: Hast du einen festen Schreibplatz?

ZOË: Nö. Aber ruhig muss es sein. Ich kann nicht im Café schreiben.

MARKUS: Mit der Hand? Schreibmaschine oder Computer?

ZOË: Computer. Mit der Hand: Notizen, Brainstorming, solche Sachen. Aber meistens kann ich meine Schrift nicht lesen. Deshalb ist das mit dem Computer schon eine gute Sache. Ich habe mehrere Laptops, je nachdem, wo und wie ich gerade schreibe. Einen großen am Schreibtisch, da sind dann auch Lautsprecher dran und ein externer Monitor usw., der ist dann aber eher fürs Dialogbuchschreiben. Mit dem kleinen schreibe ich dann in irgendwelchen Sesseln oder auf Sofas oder am Küchentisch, das ist sehr unterschiedlich.

MARKUS: Schreibst du mit Musik oder muss es still sein? Falls mit: welche?

ZOË: Oft mit Musik, und da hat jede Geschichte eine eigene Playlist.

MARKUS: EBook oder eines aus Papier?

ZOË: Alles, was Buchstaben hat. Aber weil ich viel unterwegs bin, viel auf Englisch lese und immer weniger Platz habe, lese ich tatsächlich sehr viel digital.

MARKUS: Welches Buch hast du als Letztes gelesen?

ZOË: Die Erschöpfung der Frauen: Wider die weibliche Verfügbarkeit, von Franziska Schutzbach.

MARKUS: Welches Buch hast du nicht fertiggelesen?

ZOË: Ich lese sehr viele Bücher an, oder gar nicht zu Ende, oft fehlt die Zeit, das sagt nicht unbedingt etwas darüber aus, ob ich sie gut oder schlecht finde. Aber grundsätzlich finde ich „Reinlesen“ immer sehr informativ. Ich wünschte, ich hätte viel mehr Zeit zum Lesen.

Foto: (c) Anette Göttlicher

Webseite: https.//www.zoebeck.net
Instagram: @beck_zoe
Twitter: @beck_zoe

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